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Immer wieder wird gefragt, wieviele grammatische Fälle es im Ungarischen denn nun wirklich gibt. Die Gerüchteküche verbreitet die erstaunlichsten Zahlen, die von null bis an die fünfzig gehen. Ich habe sie jedoch nie selbst gezählt. Deswegen werde ich in der folgenden Tabelle alle mir bekannten Fälle zusammenstellen, sie kurz erläutern und vor allem - zählen. Das Ergebnis wird dann eingehen in unsere allgemeinere Abhandlung Wieviel Fälle braucht der Mensch?
Was zählt als Fall?
Zunächst müssen wir uns auf die Kriterien einigen, aufgrund derer ein Fall in diese Tabelle aufgenommen wird.
Quellen
Szia! Ungarisch für Anfänger von Andrea Seidler und Gizella Szajbély (Besprechung) bietet eine Liste mit 17 ungarischen Kasussuffixen. Diese Fälle entsprechen den oben genannten Kriterien, werden aber ohne jede Namensnennung aufgezählt. Dem Latein nachempfundene Namen für die Fälle findet man in Béla Szent-Iványi, Der ungarische Sprachbau (Besprechung), wo die Fälle in einer aus grafischen Gründen schwer lesbaren Liste ohne Durchnummerierung aufgeführt werden.
Diese beiden Listen, die einander in ihren gemeinsamen Teilen nicht widersprechen, aber etwas unterschiedlichen Umfang haben, bilden den Grundstock unserer folgenden Aufstellung, sollen jedoch hinterfragt,erläutert und mit Anwendungsbeispielen erweitert werden. Wenn Sie etwas in dieser unserer Liste vermissen sollten oder lieber anders hätten, melden Sie sich bitte. Vielen Dank im Voraus!
Liste der ungarischen Fälle
Mit dem Begriff Vokalharmonie umschreiben die Ungarn ein Regelwerk, nach dem viele, aber nicht alle Suffixe sich an die Klangfarbe des Wortstamms anpassen. Man unterscheidet Suffixe, die für alle Stämme passen, von solchen, die bei der Wahl ihres Vokals nur zwischen dunkel und hell unterscheiden, und solchen, die zwischen dunkel, hell und rund unterscheiden. Dazu gibt es Suffixe, die ihren Vokal nach einem vorangehenden Vokal ganz abwerfen, und ein einziges anderes, vokalloses (siehe Akkusativ), das nach einem vorangehenden Konsonanten einen Bindevokal als Ausspracheerleichterung verlangt. Diese Unterschiede erklären die in der Spalte Zeichen unserer Tabelle angeführten Suffixvarianten. Letztere werden, soweit vorhanden, immer in der folgenden Reihenfolge angegeben:
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Gruppe |
Nr. |
Zeichen |
Name |
Bedeutung |
Anmerkungen |
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1 |
[zeichenlos] |
Angabe des Satzgegenstands (Subjekt) oder des Besitzers |
Man soll nicht meinen, dass wenigstens die uns vertrauten Fälle immer für die uns vertrauten Satzfunktionen stehen. Zum Beispiel kann in einer ungarischen Besitzerkonstruktion der Besitzer, der im Hochdeutschen im Genitiv steht, im Nominativ angegeben werden. Bei Vorliegen bestimmter Bedingungen, deren Erläuterung den Rahmen dieser Abhandlung sprengen würde, steht er allerdings im Dativ... Nominativ-Beispiele: |
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2 |
-nak / -nek |
Angabe eines indirekten Objekts oder des Besitzers |
Beispiel eines indirekten Objektes: Aber wie schon gesagt, stehen die uns vertrauten Fälle im Ungarischen nicht immer für die uns vertrauten Satzfunktionen. So wird im Ungarischen mit dem Dativ auch das ausgedrückt, was wir im Deutschen je nach Zeitwort (Verb) mit als, für oder einem doppelten Akkusativ wiedergeben, wie in jemanden für verrückt halten, jemanden als blöd hinstellen, jemanden einen Gauner nennen. Beispiel: Und dann steht der Dativ oft auch als Besitzerangabe statt unseres Genitivs (siehe auch Nominativ). Beispiel: Um die Verwirrung voll zu machen, steht in einer geschachtelten Besitzerkonstruktion der Besitzer, der nur Besitzer ist, im Nominativ, während der Besitzer, der zugleich Besitz ist, im Dativ steht. Beispiel: |
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3 |
-t |
Angabe eines direkten Objekts oder auch einer Dauer |
Vor dem -t kann je nach Wortart, Klangfarbe des Stammes, Endkonsonant oder vorangehendem Zeichen einer der Bindevokale -o-, -a-, -e- oder -ö- oder kein Bindevokal stehen. Beispiele: Eine ungarische Spezialität: Wenn der Akkusativ in der 3. Person (Einzahl oder Mehrzahl) steht und zu einem bestimmten Objekt gehört, wird eine andere Zeitwortbeugung (Konjugation) angewandt, als wenn er in einer anderen Person steht oder einem unbestimmten Objekt angehört. Näheres siehe Welche ungarische Konjugation? Noch eine ungarische Spezialität: Bei manchen Personalpronomina der 1. oder 2. Person wird das Akkusativ-t heutzutage weggelassen. Beispiele: Diese Tendenz beginnt in der Umgangssprache auch Substantive mit einem Possessivsuffix der 1. oder 2. Person zu erfassen. Beispiel: |
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Innerer Raum |
4 |
-ba / -be |
Illativ |
in (... hinein) |
Frage Wohin? Beispiele: |
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5 |
-ban / -ben |
Inessiv |
in (... drin) |
Frage Wo? Beispiele: |
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6 |
-ból / -ből |
Elativ |
aus (... heraus / hinaus) |
Frage Woher? Beispiele: |
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Oberfläche |
7 |
-ra / -re |
Sublativ |
auf (... hinauf) |
Frage Wohin? Wird für waagrechte und senkrechte Flächen sowie für Amtsgebäude, Veranstaltungen und Termine genommen. Beispiele: |
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8 |
-on / -en / -ön / -n |
Superessiv |
auf (... drauf) |
Frage Wo? Wird für waagrechte und senkrechte Flächen sowie für Amtsgebäude, Veranstaltungen und Termine genommen. Beispiele: |
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9 |
-ról / -ről |
Delativ |
von (... herunter / hinunter) |
Frage Woher? Wird für waagrechte und senkrechte Flächen sowie für Amtsgebäude, Veranstaltungen und Termine genommen. Beispiele: |
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Seitliche Nähe |
10 |
-hoz / -hez / -höz |
Allativ |
zu (... hin) |
Frage Wohin? Beispiele: |
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11 |
-nál / -nél |
Adessiv |
bei |
Frage Wo? Beispiele: |
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12 |
-tól / -től |
Ablativ |
von (... ab / weg) |
Frage Woher? Beispiele: Man beachte die begriffliche Überschneidung mit dem lateinischen Ablativ, der nicht die gleichen Funktionen wie der ungarische hat. |
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13 |
-val / -vel |
Komitativ / Instrumental |
mit |
Dieses Suffix passt sich ggf. an einen unmittelbar vorausgehenden Mitlaut (Konsonanten) an. Beispiele: Dieser Fall dient auch dazu, bei faktitiven Verben die ausführende Person anzugeben. Näheres siehe Faktitive Verben - Wortbildung und Gebrauch. |
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14 |
-ért |
Kausal / Final |
zwecks, mit dem Ziel; wegen |
Beispiele: |
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15 |
-ig |
Terminativ |
bis (zu) |
Beispiele: |
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16 |
-vá / -vé |
Faktiv |
zu |
Dieses Suffix passt sich ggf. an einen unmittelbar vorausgehenden Mitlaut (Konsonanten) an. Beispiele: |
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17 |
Essiv-formal |
als, je, pro |
Beispiele: |
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18 |
-ul / -ül |
Essiv-modal |
als, wie |
Beispiel: |
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19 |
Lokativ |
in, zu |
Dieser Lokativ ist altertümlich, findet sich aber immer noch in historischen Texten, z.B. Inschriften. Beispiel: Marosvásárhelyt (in / zu Marosvásárhely), verwendet in der Inschrift des Neptunbrunnens auf der Margaretheninsel (Margit sziget) in Budapest (siehe Musikbrunnen ohne Wasser). |
Zeigt das Suffix -é einen Fall an?
Man könnte versucht sein, die einen Besitz anzeigende Endung -é ebenfalls zu den Fällen zu zählen. Dass es sich dabei nicht etwa um eine Art Ersatz für den im Ungarischen fehlenden Genitiv handelt, zeigt unsere kurze Abhandlung Besitzanzeigendes Suffix –é. Auch nach den oben aufgestellten Kriterien kann dieses Suffix nicht als Fall gelten, denn es steht nicht am Ende der an ein Wort anzuhängenden Zeichenreihe. Ein Wort mit dem Suffix -é kann durch ein dahinter angehängtes Kasuszeichen in die verschiedenen Fälle gesetzt werden. Beispiele:
Das Suffix -é hat also nichts mit der Deklination des Wortes zu tun und zeigt daher keinen Fall an.
Zeigt das Suffix -kor einen Fall an?
Man könnte auch versucht sein, die einen Zeitpunkt anzeigende Endung -kor ebenfalls zu den Fällen zu zählen. Nach den oben aufgestellten Kriterien könn dieses Suffix eigentlich als Fall gelten, denn es steht am Ende der an ein Wort anzuhängenden Zeichenreihe. Aber im Gegensatz zu einem angehängten Kasuszeichen geht -kor, das eigentlich ein Substantiv (Hauptwort) ist, nur eine lockere Verbindung mit dem Wort ein, mit dem es sozusagen ein zusammengesetztes Substantiv bildet. Typischerweise hat es daher keinen Einfluss auf die Klangfarbe eines unmittelbar vorangehenden Vokals (Selbstlauts). Beispiele:
Das Suffix -kor hat also nichts mit der Deklination des Wortes zu tun und zeigt daher keinen Fall an.
Oder sind Sie anderer Meinung? Dann schreiben Sie uns doch bitte! Vielen Dank im Voraus!
Zusammenfassung
Halten wir zunächst fest, dass bereits ein Lehrbuch für Anfänger (Szia) den Ungarischschülern 17 Fälle abverlangt. Die eingehende, wahrscheinlich komplette Untersuchung des ungarischen Sprachbaus in Béla Szent-Iványi, Der ungarische Sprachbau ergibt lediglich 1 zusätzlichen aktuellen Fall (siehe Essiv-formal) und 4 primäre, veraltete Fälle, von denen vor allem einer (siehe Lokativ) manchmal (noch) in historischen Texten anzutreffen ist, aber eine etwas verwirrende Formenvielfalt aufzeigt. Man kann sich natürlich fragen, was Béla Szent-Iványi dazu gebracht hat, -kepp(en) und -ként in einen Topf zu werfen. Nach meinem derzeitigen Wissensstand sehe ich da zwei deutlich zu unterscheidende Funktionen, die man durchaus als zwei eigenständige Fälle betrachten könnte. Das bleibt also näher zu untersuchen. Es ist auf jeden Fall anzunehmen, dass die Anzahl der Fälle im heutigen Ungarischen je nach Bewertung der Zweifelsfälle bei 18 bis 21 liegt. Dieses Ergebnis wird all diejenigen enttäuschen, die mit weit mehr gerechnet haben. Haben sie vielleicht auch alle vom Wort getrennten - und nach unseren oben genannten Kriterien ausgeschlossenen - Postpositionen als Fälle mitgezählt? Wenn das der Fall wäre, müssten sie auch im Deutschen jede durch eine Präposition eingeleitete Umstandsbestimmung als einen eigenen Fall zählen. Was aber kein ernsthafter Sprachwissenschaftler je tun würde.
Wenn Sie Anregungen zur Erweiterung oder Korrektur unserer Ausführungen haben, melden Sie sich bitte. Vielen Dank im Voraus!
Hans-Rudolf Hower 2009
Letzte Aktualisierung: 06.07.10