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Diwo, Jean

Kundera, Milan

Makin, Andreï

Némirovsky, Irène

Oulipo

Potocki, Jan

Semprun, Jorge

Tengour, Habib

     

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Diese Seite stellt diejenigen unter meinen Büchern vor, die in Europa zur französischsprachigen Literatur gehören. Für die Einordnung spielt hier also weniger die politische Zugehörigkeit als die verwendete Sprache eine Rolle, wie fragwürdig diese Vorgehensweise auch sein mag.

Für außereuropäische französischsprachige Literaturen gibt es eigene Seiten, da sie kulturell und sprachlich eigene Wege gehen. Siehe hierzu Meine persönliche Bibliothek.

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Diwo, Jean

Jean Diwo war zunächst Journalist und begann erst später damit, Romane zu schreiben. Er gilt in Frankreich heute als einer der Meister des historischen Romans.

Zur Werkübersicht bei amazon.de/at: Jean Diwo.

     

La Fontainière du Roy

Roman, gelesen auf Französisch. Deutscher Titel: Meines Wissens gibt es (noch) keine deutsche Übersetzung dieses Romans.

Anhand des Schicksals der jungen Clémence de Francine, Tochter des Wasserbauers, der für die gesamten Kanal- und Springbrunnenanlagen des Schlossparks von Versailles verantwortlich ist, zeichnet Diwo ein beeindruckendes Bild vom Leben am Hof des absolutesten aller Könige samt seinen vielfältigen Familien- und Liebesgeschichten und gibt einen tiefen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Schlosses von Versailles und seiner Parkanlagen. Zugleich ist es der Lebensroman einer jungen Frau, die aus einer italienischen Einwandererfamilie stammt und nach und nach in das höfische Leben hineinwächst, mit allen guten und schlechten Folgen, die sich daraus für sie ergeben.

Diwos Roman berichtet völlig unaufgeregt über eine Zeit, in der die Willkür des Königs das Maß aller Dinge war, keine schöne Frau dem sexuellen Anspruch Ludwigs XIV. entkommen konnte und der Adel zu einem hündisch ergebenen Klüngel von Schmarotzern verkommen war. Beeindruckend ist auch, wieviele berühmte Geister ständig wie Satelliten um den König schwirrten: Boileau, La Fontaine, Molière, Racine usw., jeder mit einem anderen Grad der Abhängigkeit. Und nicht jeder schaffte es wie Molière, sich bei aller Dienstbarkeit eine gewisse persönliche Unabhängigkeit zu bewahren. Wes Brot ich esse, des Lied ich singe...

Titel: Clémence de Francine nutzt in ihrer Jugend ausgiebig die Park- und Brunnenanlagen des ständig in Umbau begriffenen Schlosses von Versailles als ihren persönlichen Abenteuerspielplatz und hilft ihrem Vater oft bei der Inbetriebnahme der Springbrunnen. Das bringt ihr den eher scherzhaft gemeinten Titel der fontainière (Springbrunnenbauerin), während ihr Vater ganz offiziell den Titel fontainier du Roy (Springbrunnenbauer) trägt.

Fazit: Wer auf angenehme Weise mehr über die Regierungszeit Ludwigs XIV. erfahren will, sollte diesen Roman unbedingt lesen. Einziger Wehmutstropfen: Französisch muss man können...

Info / Kauf: amazon.de/at.

[hrh Januar 2010]

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Au temps où la Joconde parlait

Roman, gelesen auf Französisch. Deutscher Titel: Meines Wissens gibt es (noch) keine deutsche Übersetzung dieses Romans.

Auf einen einzigen Satz zusammengedrängt, erzählt dieser Roman anhand vieler Einzelschicksale, wie die italienische Malerei im 16. Jahrhundert durch die abenteuerlich verlaufene Übernahme flämischer Farbtechniken zu einer neuen Blüte gelangt. Was Inhalt einer strohtrockenen historischen Abhandlung sein könnte, bringt Diwo wie einen spannenden Kunstthriller, in dem man am Leben und Schaffen vieler damaliger Künstler hautnah teilnimmt.

Der Titel ist natürlich eine Anspielung auf das Bild der Mona Lisa (die im Französischen oft „la Joconde“ genannt wird).

Fazit: Ich habe das Buch in kürzester Zeit verschlungen, weil ich einfach mit dem Lesen nicht aufhören konnte, und denke, so kann es auch anderen Lesern gehen. Einziger Wehmutstropfen: Französisch muss man können...

Info / Kauf: amazon.de/at.

[hrh Januar 2010]

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Kundera, Milan

Geboren 1929 in Brno (Brünn), doch seit 1975 im französischen Exil lebend und schreibend, gehört Kundera zu den immer zahlreicheren Schriftstellern, deren Lebenswerk sprachlich zweigeteilt ist: Bis etwa Mitte der 80er Jahre schreibt er in seiner tschechischen Muttersprache, doch dann gewinnt die Sprache seines Gastlandes Frankreich die Oberhand. Aus der slawischen Welt kommend, taucht Kundera in die romanische ein.

Mehr über den Autor: tschechische Wikipedia unter Milan Kundera.

Zur Werkübersicht bei amazon.de/at: Milan Kundera.

     

Die Unwissenheit

Roman, gelesen auf Deutsch. Originaltitel: L'ignorance (gleichbedeutend mit dem deutschen Titel).

Die Tschechin Irena war nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 nach Paris emigriert, hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden und im Exil ein neues Leben aufgebaut. Doch zwanzig Jahre später steht sie vor der Frage, ob sie wieder in ihre von der kommunistischen Herrschaft befreite Heimatstadt Prag zurückkehren soll. Irena fühlt sich zwar in ihrem Exilland nur als bedauernswerte Asylantin anerkannt, die durch die positive politische Entwicklung im Heimatland ihre moralische Berechtigung zum weiteren Aufenthalt in Frankreich verliert. Aber eigentlich fühlt sie sich jetzt in Frankreich zuhause, und Böhmen ist ihr fremd geworden. Was tun? Da nimmt ihr ausgerechnet ihr skandinavischer Lebensgefährte die Entscheidung ab, indem er sich ein berufliches Standbein in Prag aufbaut...

Also zurück nach Prag, zu den dort zurückgebliebenen Verwandten und Bekannten, zur Muttersprache und zu all den alten Erinnerungen! Das Unglück nimmt seinen Lauf...

Unverkennbar arbeitet hier Kundera eigene Lebenserfahrungen auf, die er mit vielen Exilanten des gescheiterten „Prager Frühlings“ teilt. Er greift als Autor immer wieder reflektierend in die Romangeschichte ein, so dass diese in ein enges Netz argumentierender Texte eingebettet ist. Mein Gesamteindruck: Wer an der Diskussion der Befindlichkeiten von Menschen interessiert ist, die zwischen zwei Ländern und Sprachen hin- und hergerissen sind, dem wird diese Doppelgleisigkeit des Buches gefallen. Wer sich dagegen gern vom Anfang bis zum Ende eines Romans in eine fremde Welt verführen lässt, den kann es stören, dass er durch das ständige Räsonnieren des Autors immer wieder aus seinen Träumen gerissen wird.

Zum Titel:

Zu Beginn des Romans bringt Kundera eine längere literarisch-linguistische Einleitung, welche die Unwissenheit in enge Beziehung zu Sehnsucht, Nostalgie und Heimweh setzt und so die Beziehung zum Romangeschehen herstellt.

Info / Kauf: amazon.de/at.

[hrh August 2005]

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Makin, Andreï

Geboren 1957 in Sibirien, durch seine französische Großmutter von klein auf mit französischer Sprache und Kultur vertraut; lebt seit 1987 in Frankreich.

     

Die Liebe am Fluss Amur

Roman, gelesen auf Deutsch. Originaltitel: Au temps du fleuve Amour.

Diese Geschichte einer Kindheit und Jugend spielt in einer Welt, die mehr als das halbe Jahr unter meterhohem Schnee und klirrendem Polarfrost in mühsam und immer neu gegrabenen weißen Fußgängertunnels versinkt, im späten Frühling mit gewaltigen Eisgängen „die Leinen losmacht“ und dann im kurzen Sommer unter kontinentaler Hitze brütet. Und über allem schwingt der riesige „Pendel der Weltgeschichte“, der diese Gegend mal nach Asien, mal nach Europa treibt, aber vor Ort vor allem Stacheldraht und Arbeitslager hervorbringt.

Vor dieser grandiosen bis deprimierenden Kulisse wachsen drei Freunde heran, von denen jeder auf seine Weise sich mit diesen extremen Lebensbedingungen auseinander setzt und letztlich aus ihnen herauswächst: der Ich-Erzähler (der sicher auch Autobiografisches vom Buchautor einfließen lässt) als Literat, der vom Eisgang Verkrüppelte als Journalist und der knapp einer Vergewaltigung Entronnene als kubanischer Freiheitskämpfer. Dabei spielen für jeden von ihnen die Themen „Liebe“, „Westen“ und „Pendel der Geschichte“ die überragenden Rollen und sind eng miteinander verknüpft.

Für den westlichen Leser beantwortet der Roman einige interessante Fragen zum Teil in höchst überraschender Weise:

-  Wie war Liebe unter arktischen und realsozialistischen Bedingungen möglich und welche Formen nimmt sie an?

-  Wie erlebte die sibirische „Normalbevölkerung“ den „Pendel der Geschichte“ und den allgegenwärtigen Gulag?

-  Sahen sich die damaligen Sibiriaken als Europäer oder als Asiaten?

-  Welche Vorstellung hatte die sibirische Bevölkerung vom „Westen“ und wodurch wurde sie verbreitet?

-  Welchen Einfluss hatte der kulturelle Kontakt mit dem „Westen“ auf das Gefühls- und Liebesleben der Sibiriaken (oder zumindest mancher Sibiriaken)?

Hier sei nur angedeutet, dass nach Auskunft des Ich-Erzählers französische Filme mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle lange vor dem Fall des Eisernen Vorhangs bereits eine große kulturelle und affektive Bresche in den realsozialistischen Alltag geschlagen haben, deren Bedeutung für die mentale Vorbereitung der sowjetischen Bevölkerung auf ein Leben nach dem Tod der UdSSR vielleicht neu zu überdenken wäre. Ob das zur Rehabilitierung der linken westlichen, vor allem französischen Intellektuellen reicht, die jahrzehntelange gewisse „unschöne“ Ereignisse und Entwicklungen in der damaligen UdSSR einfach nicht wahrhaben wollten, ist eine andere Frage. Tatsache dürfte jedoch sein, dass diese französischen Filmimporte ohne die in gewisser Weise privilegierten Beziehungen der französischen Intellektuellen zur UdSSR kaum möglich gewesen wären.

Sprachliche Anmerkungen

Der deutsche Titel ist ein gelungener Versuch, ein schwer wiederzugebendes Wortspiel des französischen Originaltitels herüber zu bringen. Wörtlich müsste man den Titel mit „Zur Zeit des Flusses Amur“ oder „Damals am Fluss Amur“ übersetzen. Im Französischen wird der Name dieses Flusses jedoch (bis auf den Großbuchstaben) genau so wie das Wort „amour“ (Liebe) geschrieben. Es schwingt also eine Bedeutung mit wie „Damals am/im Fluss der Liebe“, die dann weiter interpretiert werden kann.

Was die damaligen Sibiriaken zweifellos NICHT wussten, ist die Tatsache, dass der korsisch-italienische Name des Schauspielers Belmondo „schöne Welt“ bedeutet und damit genau das ausdrückt, was er für sie verkörperte. (Ob die Sibiriaken und andere russische Bürger den „Westen“ jetzt immer noch als „schöne Welt“ sehen, müsste man sie heute mal neu fragen.)

Info / Kauf: amazon.de/at.

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Némirovsky, Irène

Irène Némirovsky wurde 1903 in Kiew geboren, musste aber wegen der Oktoberrevolution mit ihrer großbürgerlichen Familie ins Exil nach Frankreich gehen. Von 1926 an veröffentlicht sie mehrere Bücher, die sie schnell berühmt machen, doch wird ihre literarische Karriere 1942 jäh gestoppt, da sie von der französischen Gendarmerie verhaftet und interniert wird. Es folgt ihre Verschleppung nach Auschwitz, wo sie wie unzählige andere Juden umgebracht wird.

     

Die Hunde und die Wölfe

Roman, gelesen auf Französisch. Originaltitel: Les chiens et les loups (gleichbedeutend mit dem deutschen Titel).

Dieser Roman über die Macht des Schicksals und der familiären Abstammung trägt viele autobiografische Züge der Autorin. Er beginnt in der Ukraine, mit der armen, aber nicht unglücklichen Kindheit des jüdischen Mädchens Ada, die durch den Tod ihrer Mutter, den Einzug ihrer verwitweten Tante mit ihren beiden Kindern und schließlich durch ein Pogrom brutal beendet wird. Die Ukraine gehörte damals zum russischen Kaiserreich, und fast jedes größere Ereignis egal welcher Art führte zu Anschuldigungen gegen die ansässigen Juden und eine mörderische Hetzjagd auf sie. An dieser Stelle des Romans ist die Versuchung groß, dem Buchtitel eine Rollenverteilung zu entnehmen, die den Rest des Buches bestimmen sollte. Falsch!

Das Pogrom trifft nicht alle jüdischen Bewohner der Stadt gleichermaßen. Da gibt es zum Beispiel die großbürgerliche, steinreiche Familie des kleinen Harry, ferne Verwandte von Adas Vater, bei denen Ada auf der Flucht vor dem aufgebrachten Mob kurzzeitigen und eher unwilligen Schutz findet - und sich unsterblich in Harry verliebt.

Nach dem Pogrom beschließen Adas Eltern, dass die Mutter sicherheitshalber mit den drei Kindern und ohne ihren Mann nach Frankreich auswandert. Harry widmet sich in Paris vor allem der Malerei und scheint Harry vergessen zu haben. Schließlich heiratet sie Ben, den Sohn ihrer Stiefmutter, ohne diesen zu lieben. Aber dann sieht sie Harry wieder, und schon nehmen Glück und Unglück ihren Lauf. Die Rollen von Wölfen und Hunden werden völlig neu verteilt, und Bens Rache wird furchtbar sein...

Fazit: Der Roman glänzt durch ausgezeichnete Dialoge mit viel psychologischem Tiefgang und durch eine höchst modern wirkende Verknüpfung einer soziologischen Studie mit einer locker und spannend erzählten Romanhandlung. Das Erstaunlichste aber ist die Tatsache, dass die Autorin noch 1940 (im Weltkrieg und zwei Jahre vor Verhaftung und Ermordung im KZ) die Kraft hatte, eine so gelungene und unverkrampfte Innenansicht jüdischen Lebens in Europa zu schreiben. Lesen!

Info / Kauf: amazon.de/at (deutsche Ausgabe), amazon.de/at (französische Ausgabe).

[hrh 16.07.09]

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Oulipo

„Oulipo" ist die Abkürzung von „Ouvroir de la littérature potentielle" (Werkraum für potentielle Literatur) und bezeichnet eine lockere Vereinigung experimentierfreudiger Schriftsteller, die 1960 ins Leben gerufen wurde. Natürlich sind dabei die französischsprachigen Autoren in der Mehrzahl, aber auch anderssprachige sind/waren korrespondierende Mitglieder oder haben/hatten zumindest nennenswerte Kontakte mit Oulipo, z.B. Italo Calvino, Oskar Pastior.

     

Oulipo

Sammlung literarischer Experimente und auch theoretischer Texte zu diesen Experimenten, (immer wieder) gelesen auf Französisch. Originaltitel: Oulipo (zur Bedeutung siehe oben), Untertitel: la littérature potentielle (Potentielle Literatur). Die mir vorliegende Fassung des Buches stammt von 1973.

Man kann, muss aber nicht dieses Buch von vorn nach hinten durchlesen. Ich habe es einmal mit viel Vergnügen gemacht und komme seitdem immer wieder selektiv darauf zurück, um schmunzelnd eines seiner vielen Kabinettstückchen noch einmal zu lesen. Es ist unvorstellbar, mit wieviel verschiedenen literarischen „Verfahren" die vertretenen Autoren experimentiert haben, mal auf der Grundlage der real existierenden französischen Sprache, mal mit allen möglichen Versuchen der Sprachverformung. Das Buch ist übersichtlich nach Theorie und Praxis sowie nach Experimentarten geordnet. (Selbst aus experimentellen Büchern ist der französische Drang nach „clarté" (Klarheit) nicht wegzudenken.)

In der Liste der Autoren enthält naturgemäß einige Namen, die dem deutschsprachigen Publikum eher unbekannt sind; aber auch international bekannte Persönlichkeiten sind darunter, z.B. Georges Perec und Raymond Queneau.

Georges Perec steuert, neben einigen anderen Texten, auch eine Erklärung der Absichten bei, die er beim Schreiben seines berühmten Romans La disparition verfolgt hat. Falls Sie den Roman nicht kennen: Es geht darin oberflächlich um das Verschwinden eines Mannes, aber was vor allem verschwunden ist, ist der Vokal „e" (sowohl im Original als auch in der Übersetzung!). Natürlich enthält der drei Seiten lange Perec'sche Erläuterungstext in Oulipo (außer dem Titel „Un roman lipogrammatique") ebenfalls kein „e"...

Von Georges Perec stammt auch das unglaubliche, fast sechs Seiten lange Palindrom mit dem (zunächst) rätselhaften Titel „9691". Dies übertrifft an Länge alles, was Hansgeorg Stengel in AnnasusannA an vorwärts und rückwärts zu lesenden Texten gefunden hat.

Nur zur Appetitanregung sei gesagt, dass das Buch auch schöne Beispiele für folgende Schreibweisen enthält:

  • Alphabetische Gedichte: Diese bestehen aus allen Buchstaben des Alphabets in aufsteigender Reihenfolge.
  • Gedichte in Gedichten: Durch Textunterteilungen entstehen aus einem einzigen Gedicht mehrere, waagrecht und senkrecht zu lesende Gedichte.
  • Formale Experimente: Gedichtkörper bilden geometrische Formen ab, z.B. eine Sanduhr.
  • Schneeballtexte: Das erste Wort besteht aus einem einzigen Buchstaben, und jedes weitere Wort hat einen Buchstaben mehr.
  • Und andere, nicht immer ganz ernst gemeinte...
  • Sprachliche Anmerkungen

    Die Autoren des Oulipo haben den unschätzbaren Vorteil, auf Französisch zu schreiben. Aufgrund seiner Rechtschreibung, seiner Wortstrukturen und seiner Aussprache, die viele geschriebene Buchstaben einfach ignoriert, eignet sich diese Sprache besser als das Deutsche für viele der vorgestellten Experimente. Andererseits hat das Deutsche eine flexiblere Syntax, was ganz andere Experimente erleichtern kann.

    Die schwierigste Übung, die man sich vorstellen kann, besteht darin, einen solchen experimentellen Text vom Französischen ins Deutsche zu übersetzen. Aber genau das wurde in kongenialer Weise für La disparition von Georges Perec unter dem Titel Anton Voyls Fortgang geschafft. Um so erstaunlicher ist es, dass amazon.de entgegen der sonstigen Übung ausgerechnet bei diesem Buch den Namen des Übersetzers nicht nennt. Er hätte die Nennung mehr als verdient und wird von mir hier baldmöglichst nachgeliefert werden.

    Info über alles / Kauf von allem, was Oulipo betrifft: amazon.de/at

    Info / Kauf „Oulipo": Französische Buchhandlung, amazon.fr.

    Info / Kauf „La disparition": Französische Buchhandlung, amazon.fr.

    Info / Kauf „Anton Voyls Fortgang": amazon.de/at.

    Info / Kauf Raymond Queneau, Exercices de style: Französische Buchhandlung, amazon.fr.

    [hrh Oktober 2006]

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    Potocki, Jan

    Geboren 1761 bei Winnitza in Podolien (damals Russisches Kaiserreich, heute Ukraine), als polnischer Adliger von Jugend auf mit französischer Kultur und Sprache vertraut, in ganz Europa und in Nordafrika zuhause, von den Ideen der französischen Aufklärung überzeugt, zeitlebens wissenschaftlich mit der Geschichte der Slawen befasst, starb Potocki nach quälender Krankheit 1815 duch Selbstmord bei Berditschew in Podolien.

         

    Die Abenteuer in der Sierra Morena oder Die Handschriften von Saragossa

    Roman, gelesen auf Deutsch. Originaltitel: Manuscrit trouvé à Saragosse (Eine Handschrift, gefunden in Saragossa).

    Die banalste Erklärung für die Entstehung dieses Romans, der irgendwo zwischen 1001 Nacht und den Philosophen der französischen Aufklärung beheimatet ist, stammt lt. Nachwort vielleicht sogar vom Autor: Er habe Vorlesestoff für seine lange Zeit kranke Frau gebraucht. Aber gerecht wird diese Aussage dem Roman nicht. Auch enthält der Roman viel zuviel enzyklopädische und sicher nicht im Handumdrehen zu beschaffende intellektuelle Fracht, um nur mal so fürs Krankenlager erfunden worden zu sein.

    Plausibler ist da schon der Hinweis darauf, dass Potocki mit seinem Werk auf Chateaubriands Versuch reagierte, mit dem „Geist des Christentums“ (Génie du christianisme) das Rad der Geschichte von der französischen Aufklärung zum katholischen Mittelalter zurück zu drehen. In der Tat ist in all den Geschichten dieses Romans ein ständiges Bestreben zu verspüren, die Glaubensinhalte des Katholizismus genau so zu relativieren wie die Intrigen und das Ehrengehabe der adligen Gesellschaft mit ihren oft tödlichen Folgen.

    Die oft mehr als fantastischen, aber die gesellschaftlichen Realitäten nicht aus den Augen verlierenden Geschichten spielen nicht umsonst in einem quasi gesetzlosen Raum, nämlich bei mythischen, ins Bergland geflohenen Nachkommen der in Spanien verbliebenen Araber. Dadurch ergibt sich ein Blick „von außen“ auf die spanische Gesellschaft, der dem Autor immer wieder die Möglichkeit zur Relativierung gibt, mal ernsthaft, mal humorig, mal sarkastisch, mal burlesk. Fantasy vor ihrer Erfindung...

    Aber auch die Kritik des Autors wird relativiert, denn alles, was man über die „wirkliche“ spanische Gesellschaft erfährt, wird von Personen des Romans erzählt. Oder von Personen, die die Erzählung anderer Personen erzählen. Oder von Personen, die eine Geschichte erzählen, in der eine oder mehrere Personen ihrerseits Geschichten erzählen, in denen Leute erzählen, dass jemand von einem Mann erzählt hat, der von einer Erzählung her weiß... usw. Das raffinierte und augenzwinkernde Spiel mit mehreren ineinander verquickten Erzählebenen und häufigen Unterbrechungen auf allen Ebenen wird so weit getrieben, dass (auf S. 29 des zweiten Bandes) eine der Romanfiguren - ein Mathematiker - anfängt, sich Notizen über die Erzählstruktur zu machen, um den Überblick zu behalten: „Der Herr Iñigo Suárez könnte in Amerika jemandem begegnet sein, der ihm die Geschichte eines anderen erzählt, der seinerseits wiederum eine Geschichte zu erzählen hat. Um mich zurechtzufinden, habe ich mir ein Schema ausgedacht, wie man es bei rekurrenten Folgen anwendet [...].“ Bald darauf (auf S. 86/87 des zweiten Bandes) wird es einer der Hauptpersonen des Romans sogar richtig gehend zuviel: „Ich hatte wohl vorhergesehen, daß die Geschichten des Zigeuners immer neue nach sich ziehen würden. Frasqueta Salero hat ihre Geschichte dem Busqueros erzählt, Busqueros dem López Suárez und dieser dem Zigeuner. Ich hoffe, daß dieser uns berichten wird, was aus der schönen Inés geworden ist. Aber wenn er abermals eine Geschichte einschiebt, werde ich mit ihm Streit bekommen [...].“

    Dass da für unseren heutigen Geschmack einige Längen und Wiederholungen auftreten, ist im Hinblick auf die Entstehungszeit des Werkes hinzunehmen und gibt dem Ganzen oft gerade dieses 1001-Nacht-Flair, das auch seinen Charme hat.

    Die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte des Romans wäre übrigens ein eigenes Buch wert, wie das Nachwort erzählt. Die vorliegende Ausgabe ist ein Kompromiss zwischen dem unvollständig überkommenen französischen Original und einer ebenso unvollständigen und oft abweichenden polnischen Übersetzung. Im Anhang gibt es mehrere wichtige Varianten als Zugabe.

    Sprachliche Hinweise

    Der platte deutsche Haupttitel ordnet das Buch leider als bloßen Abenteuerroman ein. Das dahinter steckende verlegerische Kalkül übt Verrat an dem Roman, denn der Autor wollte mehr. Der nachgeschobene Untertitel nähert sich dem französischen Original, unterschlägt aber doch einiges von der Absicht des Autors. Der französische Titel besagt nämlich, dass es sich um eine Handschrift handle, die in Saragossa gefunden worden sei. Anscheinend lag dem Autor aus wer weiß welchen Gründen viel daran, den Abstand zwischen sich und seinem Werk sehr groß zu gestalten.

    Info / Kauf: amazon.de/at (in 2 Bänden, in 1 Band, auf Englisch)

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    Semprun, Jorge

    Jorge Semprun (eigentlicher spanischer Name: Jorge Semprún y Maura) ist 1923 geboren. Er schreibt vor allem auf Französisch, und die Hauptthemen seiner meist autobiografischen oder zumindest autobiografisch gefärbten Bücher kommen aus seinen Erfahrungen als Widerstandskämpfer gegen Franco und gegen Hitler, als Lagerinsasse im KZ Buchenwald und als Kämpfer gegen das Vergessen. Aber auch die Studentenrevolten von Mai 1968 haben ihren Niederschlag in Sempruns Werk gefunden (in Algarabía oder Die neuen Geheimnisse von Paris).

    Mehr über den Autor: deutsche Wikipedia unter Jorge Semprun.

    Zur Werkübersicht bei amazon.de/at: Jorge Semprun.

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    Schreiben oder Leben

    Roman, gelesen auf Französisch. Originaltitel: L’écriture ou la vie.

    Bei Jorge Semprun hat sein Zwangsaufenthalt im KZ Buchenwald tiefe Spuren hinterlassen. Und dieses Buch handelt davon, auf vielfache Weise.

    Bei der Lektüre dieses Buches ist mir wieder einmal aufgefallen, dass mehr oder wenige alle Häftlinge, die das Lager überlebt hatten, nur mit allergrößter Mühe ein „normales“ Leben zu führen imstande waren, nach all dem, was sie dort erlebt hatten. Man „weiß“ das von allem, was Semprun geschrieben hat, aber ich habe ständig das Beispiel eines Rabbiners vor Augen, den ich in den 1960er Jahren in Heidelberg kannte, und das eines meiner Onkel, der in Buchenwald eingesessen hatte, weil er gegen Hitler Propaganda gemacht hatte. Beide litten an „unerklärlichen“ Panikanfällen, die jederzeit auftreten konnten, und je länger sie lebten, desto mehr litten sie. Und dann war da die Schwierigkeit, darüber zu sprechen ... zu Leuten, die nicht verstehen konnten ... und nicht verstehen wollten ...

    Jorge Semprun spricht darüber (beim Schreiben), und das rettet ihm das Leben ... soweit das möglich ist.

    Info / Kauf: amazon.de/at (auf Deutsch), amazon.fr (auf Französisch).

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    Der zweite Tod des Ramon Mercader

    Roman, gelesen auf Französisch. Originaltitel: La deuxième mort de Ramon Mercader

    Jorge Semprun hat nicht nur eine einzige Vergangenheit zu „verdauen“. Neben seinem Aufenthalt in Buchenwald gibt es auch noch seine langen Jahre als kommunistischer Aktivist, mit denen er mit der Zeit immer schwieriger umgehen kann.

    In diesem Buch, das man ebenso gut bei den „Politthrillern“ einordnen könnte, obwohl es diese bei weitem überragt, lässt uns Jorge Semprun eine erstrangige politische und kriminelle Intrige miterleben, vor allem in Amsterdam, mit vielen Rückblenden in die Zeit des spanischen Bürgerkriegs, zwischen den zwei Weltkriegen, und mit dem immer wiederkehrenden Gegengewicht der Betrachtung des berühmten Gemäldes „Ansicht von Delft“ von Vermeer. Und den Hintergrund bildet eine sarkastische Abrechnung mit dem Aktivismus der kommunistischen Art.

    Die von Semprun angewandten stilistischen Mittel sind außerordentlich und auf angenehme Weise verwirrend. Man erlebt nicht nur packende innere Monologe, sondern oft kommt es zur Verschränkung zweier dieser Monologe, was dazu führt, dass das Seelenleben zweier Personen ineinander übergeht und zugleich im Wechselspiel bleibt ...

    Fazit: Meiner Meinung nach ist dies der literarisch ausgereifteste Roman Jorge Sempruns und unbedingt lesenswert!

    Info / Kauf: amazon.de/at (auf Deutsch, gebunden), amazon.de/at (auf Deutsch, Taschenbuch), amazon.fr (auf Französisch).

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    Algarabía oder Die neuen Geheimnisse von Paris

    Roman, gelesen auf Französisch. Originaltitel: Algarabie.

    Die 1968er Studentenrevolte ist völlig aus dem Ruder gelaufen, hat zunächst ganz Frankreich ins Chaos gestürzt, und die Auseinandersetzung mit dem Staat hat mehr und mehr gewaltsame Formen angenommen. Die französische Regierung samt Polizei und Militär muss erst einmal klein beigeben, erobert schließlich aber fast das gesamte Staatsgebiet zurück - bis auf einige Viertel im Zentrum von Paris, wo sich die Aufständischen hartnäckig halten. Was Asterix-Leser vielleicht an ein bestimmtes Dorf in der Bretagne erinnert, nimmt hier so gewalttätige und teils perverse Formen an, dass Semprun wohl eher die blutige Geschichte der Pariser Kommune von 1871 im Auge hatte, als er diesen Roman schrieb. Auf jeden Fall ist dies die Ausgangslage, in der die Romanhandlung beginnt.

    Semprun stellt sich vor, wie sich das alltägliche Leben einer völlig eingekesselten, im Grunde hoffnungslosen, aber politisch völlig übermotivierten Gemeinschaft entwickelt, bis sie letztendlich innerlich und äußerlich zusammenbricht. Zugleich ist es der letzte Tag im Leben eines spanischen Immegranten... Das ist gewiss nicht immer lustig zu lesen, wird aber so gekonnt dargestellt, dass sich der literarische Genuss dennoch einstellt.

    Titel: Das spanische Wort algarabía, das für die französische Ausgabe des Romans zu algarabie französisiert und erst durch diesen Romantitel in Frankreich bekannt wurde, bedeutet ein großes und unbegreifliches Durcheinander. Damit ist die Lage in dem eingekesselten Pariser Stadtteil ziemlich genau beschrieben. Die deutschen Verleger haben es vorgezogen, einen ihrer Meinung nach wohl verkaufsfördernden Untertitel dazuzuschreiben...

    Fazit: Ein spannendes und gewagtes Leseexperiment, das mancher heute vielleicht als übertrieben empfinden wird. Vor allem wer Mai 1968 selbst miterlebt hat, wird aber zugeben müssen, dass Sempruns politische und soziale Extrapolationen nicht einfach an den Haaren herbeigezogen sind. Was hätte damals nicht alles passieren können!

    Info / Kauf: amazon.de/at (auf Deutsch), amazon.fr (auf Französisch).

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    Tengour, Habib

    Habib Tengour wurde 1947 in Mostaganem (Algerien) geboren, lebt aber als Schriftsteller in Paris. Sein preisgeköntes Wirken dreht sich immer wieder um Fragen der kulturellen Identität seines Herkunftslandes.

         

    Der Fisch des Moses

    Roman, gelesen auf Deutsch in der Übersetzung von Regina Keil-Sagawe. Französischer Originaltitel: Le Poisson de Moïse (Der Fisch des Moses).

    Drei Freunde aus Algerien, die für die Befreiung Afghanistans von der russischen Invasion in den Krieg gezogen waren, treffen sich nach Jahren wieder, und zwar in einem Trainingslager in Pakistan, wo sie sich auf den nächsten Befreiungskampf in Afghanistan vorbereiten. Jeder der drei geht mit seiner eigenen Lebensphilosophie an die Sache ran, doch nur der nachdenkliche Mourad wird von Zweifeln geplagt, ob das weitere Kriegführen überhaupt sinnvoll sei.

    Mourad sucht immer wieder nach einer Möglichkeit, ins zivile Leben nach Algerien zurückzukehren, obwohl er weiß, dass auch dort der Bürgerkrieg tobt. Doch die Guerrilla hat ihn fest im Griff. Als ihm der Ausstieg schließlich dennoch zu gelingen scheint, stellt sich das Ganze als eine Falle heraus, die kein Entrinnen mehr zulässt.

    Für den europäischen Leser bietet das Buch tiefe Einblicke in die Diskussionen in der Gesellschaft, unter Freunden und in der Familie, mit denen sich ein muslimischer Jugendlicher maghrebinischer Herkunft heute auseinandersetzen muss. Zugleich zeigt es die Ausweglosigkeit, die viele dieser Menschen immer tiefer in Guerillakrieg und Terrorismus verstrickt und letztlich umbringt.

    Ein Buch, das bequeme Klischees zerstört.

    Info / Kauf: amazon.de/at.

         

    Bild: Hundi lebt

    Hans-Rudolf Hower 2002

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    Häufige Fragen - Webmaster

    Letzte Aktualisierung: 14.07.10