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Nesin, Aziz

     

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Diese Seite stellt diejenigen meiner Bücher vor, die zur türkischen Literatur gehören. Darunter verstehe ich Bücher, deren Original in türkischer Sprache geschrieben wurde.

     

Nesin, Aziz

Aziz Nesin (1915 - 1995) ist das Pseudonym eines der bedeutendsten türkischen Schriftsteller. Er kämpfte zeitlebens für Demokratie und Recht und legte sich dabei gegen den türkischen Staatsapparat genauso an wie gegen fremde Regierungen und den mordenden Mob von der Straße. Einigen Anschlägen gegen sein Leben entkam er nur knapp, und einige Verlagsgebäude, in denen seine Schriften publiziert wurden, gingen in Flammen auf. Nesin verbrachte wegen seiner Werke mehrere Jahre im Gefängnis. Nach seiner Herausgabe der türkischen Übersetzung von Auszügen aus Salman Rushdies Satanischen Versen wurde er als vom Islam Abtrünniger erklärt, was Morddrohungen der islamischen Fundamentalisten nach sich zog. 1993 überlebte er das fundamentalistische Sivas-Massaker leicht verletzt. 1994 drohte ihm die türkische Staatsanwaltschaft wegen seiner Kritik an der Kurdenpolitik mit der Todesstrafe. 1995 starb Aziz Nesin an einem Herzinfarkt. Als bekennender Atheist wurde er ohne islamische Trauerfeier beigesetzt.

Mehr Info zum Autor bietet die dt. Wikipedia unter Aziz Nesin.

Zur Werkübersicht bei amazon.de/at: Aziz Nesin.

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Surnâme, Man bittet zum Galgen

Satirisches Lob- und Preisgedicht in Prosa, gelesen auf Deutsch. Originaltitel: Surnâme.

Der junge Barbier Hayri hat einen kleinen Buben vergewaltigt und ermordet, wird zum Tode verurteilt und kommt bis zur Bestätigung und Durchführung des Urteils ins Gefängnis. Nach landläufiger Meinung hat er also durchaus den Tod verdient. Dies ist die Ausgangssituation für das vorliegende satirische Surnâme-Preislied, das an dem Verbrechen nichts verniedlichen, aber die (hoffentlich nur bis vor kurzem) herrschenden unglaublichen Zustände in den türkischen Gefängnissen anprangern will.

In der endlos erscheinenden Wartezeit vor der Vollstreckung des Urteils lernt Hayri die gnadenlose Hackordnung der selbsternannten Häftlingshierarchie genauso kennen wie die fast rührend anmutenden Bemühungen des Staates, einen kerngesunden und unverletzten Häftling in einer öffentlichen Schau zum Tode befördern zu können. Trotz dieser „Fürsorge” muss Hayri ständig ums Überleben im Gefängnisdschungel kämpfen - und fragt sich mehr als einmal, wozu das eigentlich gut ist, da er ja doch sterben wird.

Durch einen Mitgefangenen des Barbiers Hayri gibt Aziz Nesin einen Hinweis auf sein politisches Vorbild in Sachen Abschaffung der Todesstrafe, den französischen Schriftsteller Victor Hugo mit Le dernier jour d’un condamné (Besprechung auf Französisch). Auch dieser stützte seine strikte Ablehnung der Todesstrafe nicht etwa auf mildernde Umstände für den Verurteilten, sondern auf die - gewollte oder ungewollte - Brutalität dieser Strafe und ihrer Begleitumstände.

Die altertümliche, aus dem Osmanischen Reich stammende Form des Surnâme-Gedichts ist von Hause aus nicht auf Kritik, sondern auf Lobpreisung der herrschenden Sultanfamilie ausgerichtet. Deshalb umgibt sie bei Nesin auch die schlimmsten Missstände mit dem Mantel eines Märchens aus Tausendundeine Nacht. Für das zu vermittelnde Anliegen ist es daher wichtig, dass Nesin diesen Schleier immer wieder mit eingestreuten Gesetzestexten und datierbaren Fakten kontrapunktisch durchbricht und klarmacht, wie gering der zeitliche Abstand zu den geschilderten Zuständen und Begebenheiten ist - und wie oft die politische Praxis seines Landes den nationalen und internationalen Gesetzen widersprochen hat.

Fazit: Lesenswert unter dem Aspekt des literarischen Experiments und der Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei. Man sollte dieses Land allerdings an seiner gegenwärtigen und zukünftigen politischen Praxis messen, statt ihm vergangene Sünden aufzurechnen.

Info/Kauf: amazon.de/at.

Bild: Hundi lebt

Hans-Rudolf Hower 2009

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Letzte Aktualisierung: 14.07.10